12. Juli 2020

Der blinde Fleck der Digitalisierung -Buchtipp

In der Krise wie wir sie aktuell durch das Coronavirus erleben, erweist sich die Digitalisierung als ein Segen. Sie ermöglicht es uns trotz Isolation in Kontakt mit anderen Menschen zu bleiben und uns am laufenden zu halten. Ungeachtet dessen, birgt das Dogma der Digitalisierung auch gewisse Gefahren für uns und unsere Mitwelt. Diese Themen greifen Felix Sühlmann-Faul & Stephan Rammler in ihrem Buch „Der blinde Fleck der Digitalisierung“ auf.

Steigender Energiebedarf auf allen Ebenen

Streamingdienste wie Netflix, Amazon-Prime oder auch Youtube gewinnen immer mehr an Beliebtheit. Sie sind leicht zu bedienen und auf jedem Endgerät verfügbar. Das Phänomen das diese Dienste mit sich bringen nennt sich Binge-Watching* und bedeutet, das Menschen ganze Serien-Staffeln in einem Stück anschaue. So weit so gut, ist doch jedem seine eigene Sache wie viel Zeit er vor der Glotze verbringt. Dennoch gibt es hier ein großes Problem, denn der Energiebedarf der damit einhergeht ist für die Konsumenten nicht spürbar.

Früher haben Geräte unglaublich große Mengen an Energie verschlungen. Denk doch nur mal an einen Kühlschrank. Vor mehr als zehn Jahren hat eine 600 Liter Kühl-Gefrierkombination schon mal 600-900 kWh Strom pro Jahr verbraucht. Heute sprechen wir bei einem vergleichbaren Gerät der Klasse A+++ von unter 200 kWh Jahresverbrauch – also einem Drittel. Diese Tatsache hat jeder von uns unmittelbar im eigenen Geldbörsel gespürt.

Das sieht in Zeiten des Internets anders aus. Wir zahlen rund zehn Euro pro Streaming on Demand Dienst pro Monat und können dadurch rund um die Uhr konsumieren. Der Stromverbrauch im Haushalt steigt hingegen kaum. Allerdings benötigen die großen Serverfarmen sehr viel Strom um die Kapazitäten für ihre Kunden auch ständig bereitstellen zu können. Dieser Strom wir wiederum Großteils aus fossilen Energieträgern gewonnen, was den CO2-Ausstoß wachsen lässt.

Der blinde Fleck: Rebound Effekt

Der Rebound-Effekt beschreibt ein Phänomen bei dem Einsparungen nur scheinbar getroffen werden, weil sie anderswo zum Status-quo oder sogar zu einem Anstieg führen. Unterschieden wird hierbei zwischen direkten und indirekten Rebound-Effekten. Ein direkter Rebound-Effekt ist z.B. das eine 100 Watt Glühbirne mit 10 mal 10 Watt LED-Lampen ersetzt wird.

10 LED-Lampen x 10 Wattt = 100 Watt Gesamtleistung.

Die Schlussfolgerung daraus – der Tausch hat bei gleichbleibender Nutzung nichts gebracht, weil die Gesamtleistung weiterhin bei 100 Watt liegt, was der vorher genutzten Glühbirne entspricht.

Ein indirekter Rebound-Effekt findet dort statt wo eine Einsparung sich in einen anderen Bereich verlagert. Hierfür findet man viele Beispiele im Bereich der Finanzen. Ich spare mir hier was ein oder bekomme gar Geld zurück. Anstatt die Einsparung auf die Seite zu legen, gibst du sie für etwas anderes aus. Rebound-Effekte sind nicht generell negativ und es ist auch niemand davor gefeit, jedoch sollten wir uns dessen bewusst sein.

Der blinde Fleck: Graue Energie der Herstellung

Die Geräte die wir also heute bei uns zu Hause vorfinden, sind effizient – stimmt. Die Krux an der Sache ist nur, dass die Energie für Produktion und Entsorgung extrem hoch ist, vor allem für meine geliebte Unterhaltungselektronik. Dabei geht es nicht nur um den Strombedarf, sondern um den weitreichenden Ressourcen-Einsatz, der für den Abbau, die Herstellung und die Entsorgung von Endgeräten sogenannter grauer Energie anfällt. Sühlemann-Faul und Rammler beleuchten diesen Aspekt sehr genau in ihrem Buch.

Der blinde Fleck: Smartphones
Elektroschrott Smartphones

Der blinde Fleck: Giftige Entsorgung der Endgeräte

Apple als Device-Hersteller, Plattformbetreiber und Innovator rühmt sich damit, seinen Strombedarf aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Soweit so gut.

Die nachhaltige Haltung endet jedoch sehr schnell bei einem Blick auf die Recycling-Rate des Herstellers. Sühlmann-Faul schreibt dazu in seinem Buch, dass die USA Kompensationen der Firmen zulässt – vergleichbar mit dem CO2 Zertifikats-Handel. Kurzum, Apple lässt die die eigenen Geräte schrotten und zahlt für das Recycling von Geräten anderer Hersteller. Der klare Kritikpunkt ist hier, dass durch diese Regelung nur minimal Ressourcen geschont werden und die Mengen an Elektoschrott größer werden. Sie stellen unter anderem einen großen Teil der Umweltbelastung dar.

Die Entsorgung von Elektroschrott ist alles andere als einfach , vor allem Akkus stellen häufig ein Problem dar. Die dünne Schicht der Lithium-Ionen Akkus die die negativ und positiv geladene Seite voneinander Trennen wird bei der Entsorgung oft beschädigt, was zu Bränden führen kann. Insbesondere bei falscher Entsorgung im Hausmüll kann das zum Problem werden. Hier eine kleine Anmerkung für Wien: Endgeräte jeglicher Art sind kostenlos auf den Mistplätzen der MA48 zu entsorgen.

Der blinde Fleck: Gewollter Konsum

Sühlmann-Faul geht unter anderem auf den Zusammenhang Digitalisierung und Kapitalismus ein und sieht hierin den Grund für die sehr niedrige Lebensdauer von Endgeräten.Für die hohe Konsumrate sieht er vor allem zwei Faktoren:

  1. Extrem kurze Lebenszyklen; Aktuell hält eine Smartphone ca. 500 Ladezyklen. Bei täglichem Laden sind das knapp zwei Jahre.
  2. Reparaturen sind nicht möglich: War es bei den Handys Anfang der 2000er Jahre noch möglich Akkus selbst zu tauschen, so ist das mit der Entwicklung der Smartphones Geschichte. Eine fest verklebte Hülle macht es de facto unmöglich das Smartphone selbst zu reparieren und bei den Profis ist das häufig so teuer, dass die Anschaffung eines Neuen günstiger erscheint.

Meine Empfehlung

Ich bin in diesem Beitrag nur auf ein paar Aspekte des Buches „Der blinde Fleck der Digitalisierung“ eingegangen, die mir aus meiner Tätigkeit als Energieberaterin besonders wichtig erscheinen. Sühlmann-Faul handelt jedoch noch wesentlich mehr Zusammenhänge neben dem steigenden Ressourcen- und Energiebedarf ab. Das macht das E-Book meiner Meinung nach nur noch lesenswerter.

Ich freue mich auch über ein Feedback, ob dir dieses Format „Buchtipp“ gefällt. Gerne nehme ich auch Buchtipps entgegen, denn in Zeiten wie diesen braucht mein Hirn neuen Stoff.

*Binge-Watching ist ein Begriff angelehnt an Binge-Eating Störung.

Martina Krobath

Vision - Die Zusammenarbeit verbessern. Mission - Knowledge Culture mitgestalten. Weg - Working Out Loud-Prinzipien als Haltung etablieren

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